«Der Bund», 26. 7. 2013

Als Modewort ist «Diskurs» ein Opfer

Es gibt mancherlei Gründe, Birgit Schmid für ihre Tribüne wider den «moralisierenden Feminismus» dankbar zu sein, die vor einer Woche unter dem Titel «Dieser ewige Opferdiskurs» an dieser Stelle erschienen ist. Hier betrifft der Dank nur den Titel, genauer die Art, wie die stellvertretende Chefredaktorin des «Magazins» von «Diskurs» redet. Das Wort wird sonst in letzter Zeit inflationär verwendet, für jede noch so belanglose Diskussion. Dabei war es zuvor in diesem Sinn fast verschwunden, und wer «Diskurs» sagte, meinte zumeist etwas anderes: eine von einer bestimmten Absicht oder Lehre geleitete Redeweise. Eben zum Beispiel jene, die Frauen stets in der Opferrolle abbildet.

«Diskurs» in diesem prägnanten Sinn zu verwenden, entspricht eher gehobenem Stil. In der Schweizer Mediendatenbank findet man es in den Neunzigerjahren vor allem in kulturellen Abhandlungen, etwa als philosophischen, postmodernen, interessegeleiteten oder analytischen Diskurs. Es kann durchaus den Diskurs einer Einzelperson beschreiben, was an den Ursprung im französischen «discours» für (formelle) Rede erinnert. Vereinzelt war in der Presse schon damals ein Zwiegespräch ohne bestimmte Richtung gemeint, etwa zwischen Musikinstrumenten oder zwischen Liebenden in einem Theaterstück.

Im Duden freilich steht seit mindestens 50 Jahren als erste Bedeutung «[eifrige] Erörterung», mit dem schon damals «veralteten» Verb «diskurrieren», das heute noch «landschaftlich» (also regional umgangssprachlich) für «sich eifrig unterhalten» gebraucht wird. Auf diese angestammte Bedeutung können sich alle berufen, die neuerdings mit «Diskurs» um sich werfen. Erst später kam die Duden-Definition «methodisch aufgebaute Abhandlung» dazu. Das passt besser zum Eigenschaftswort «diskursiv», für welches das Wörterbuch die «philosophische» Bedeutung anführt: «von Begriff zu Begriff logisch fortschreitend».

Wer will, kann sich über die Wiederbelebung des Diskurses als «eifrige Erörterung» freuen. Aber diese banale Verwendung bringt gegenüber «Diskussion» und ähnlichen Wörtern ausser der Abwechslung und dem (für eine Weile) modischen Anstrich nichts. Und sie fordert ein Opfer: die besondere, eben prägnante Verwendung für den Diskurs als bestimmte Rhetorik. In welchem Sinne bestimmt, muss jeweils eigens gesagt werden; solcher «Diskurs» ist ohne Zuordnung sinnlos. Die schwierige Disposition des Wortes mag dazu geführt haben, dass es sozusagen unterbeschäftigt war und sich daher als Alternative zu «Diskussion» anbot; der Nachahmungstrieb sorgte dann für die galoppierende Verbreitung.

Ähnlich scheint es dem Wort «nachvollziehen» ergangen zu sein, dessen Karriere im Duden kürzer ist. Früher kannte man es allenfalls für eine tatsächliche Nachahmung, wie heute noch beim «autonomen Nachvollzug» von EU-Recht durch die Schweiz. Doch seit etlichen Jahren tritt es gehäuft dann auf, wenn etwas gar nicht nachvollzogen, sondern nur verstanden oder nachgefühlt wird: Der Nachvollzug findet bloss im Geiste statt, und häufig nicht einmal dort, denn «nicht nachvollziehen können» dürfte ebenso oft vorkommen wie der positive Fall.

Manchmal ist beides schade, die Verneinung und die Verbannung ins Virtuelle. Etwa hier: «Peter Bodenmann, Briger Hotelier und ehemaliger Präsident der SP Schweiz, kann die ‹Walliser Hysterie› um das neue Raumplanungsgesetz nicht nachvollziehen.» Zu gerne würde man ihm dabei zuschauen, wie er die Hysterie anschaulich und wortgewaltig nachvollzöge. Da könnte man auch wieder einmal das Schauspiel eines Diskurses miterleben, wie er im Buche steht.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)