Gerhart Wagner, Stettlen

Sprechdisziplin hilft Menschen mit Hörschäden

Zur «Sprachlupe» vom 10.2.2012 («Südliche Silbensalven sagen auch nur 'äuä'») hat Daniel Goldstein eine Zuschrift bekommen, die er mit dem Einverständnis des Einsenders hier einrückt.

Ihre interessante «Sprachlupe» über Sprechgeschwindigkeiten in verschiedenen Sprachen gibt mir Anlass, Ihnen etwas aus meiner Alterserfahrung zu berichten bezüglich unterschiedlicher Geschwindigkeit und vor allem: verschiedener Qualität beim Sprechen unserer Sprache. Es ist mir wohl bewusst, dass meine Wahrnehmungen stark mit meiner abnehmenden Hörfähigkeit zusammenhängen. Diese ist immerhin noch so, dass ich im Alltagsleben mit meinen 92 Jahren ohne Hörgerät auskomme, obschon ich schon seit dem Aktivdienst (als Artillerist ohne jeden Gehörschutz!) an einem Knalltrauma leide. Es bewirkte, dass ich hohe Töne von einer gewissen Frequenz (ca. 2000 Hertz) aufwärts bei normaler Lautstärke nicht mehr höre. In diesem Bereich liegen viele Vogelstimmen, aber auch die Konsonanten der menschlichen Sprache. Darum höre ich – ohne Hörgerät – fast nur noch die Vokale.

Diese Hörsituation führte mich besonders an Radio und Fernsehen zu teils ärgerlichen, teils amüsanten Beobachtungen: Die Sprechdisziplin ist von Mensch zu Mensch so enorm verschieden, dass ich manchmal bei einem Gespräch zwischen zwei Personen von der einen Person fast alles, von der anderen fast nichts verstehe. Früher ist mir solches nicht aufgefallen, ein normal hörender Mensch leidet darunter kaum. Aber es gibt ja heutzutage viele Alte, die gerne auch noch etwas hören und verstehen möchten. Die Unterschiede sind zum Teil eine Frage der individuell enorm verschiedenen Sprechgeschwindigkeit, aber zum grösseren Teil eine Frage der Sprechdisziplin, der Qualität der Artikulation. Beides, Geschwindigkeit und Qualität, scheint fast unabänderlich zu einem Menschen zu gehören, geradezu eine persönliche Charaktereigenschaft zu sein. Möglich, dass man im Kleinkindesalter, wenn der Mensch sprechen lernt, etwas Einfluss nehmen kann bzw. könnte, wenn man daran dächte. Aber vermutlich sind diese Unterschiede beinahe so fest angeboren wie die Augenfarbe.

Die amüsante Seite: Erst in letzter Zeit ist mir aufgefallen, wie verschieden die Leute beim Sprechen den Mund bewegen. Natürlich hat Mutter Natur den Mund bei den einzelnen Menschen an sich schon sehr verschieden konzipiert. Aber dann gibt es Leute (hauptsächlich Männer), die beim Sprechen die Oberlippe überhaupt nicht bewegen, sie bleibt ein Lineal, nie ist ein oberer Zahn, selten ein unterer zu sehen. Die Unterlippe bewegt sich etwas mehr, aber einige bringen es fertig, auch diese fast unbeteiligt zu lassen. Demgegenüber gibt es Leute (hier sind es mehr Frauen), wo man fast bei jedem Wort die Zähne sieht, auch die oberen. Und das geht nun ganz eindeutig mit der Qualität der Artikulation und dadurch mit der Verständlichkeit einher. Man könnte es so sagen: Die Anzahl Zähne, die jemand beim Sprechen sehen lässt, ist direkt proportional zu der Verständlichkeit seiner Sprache. Zum Nuscheln braucht man nur eine kleine Spalte zwischen den Lippen offen zu halten, das habe ich selbst ausprobiert.

Für das Métier des schreibenden Journalisten spielt es keine Rolle, wie gut oder schlecht einer spricht. Aber für die Leute bei Radio und Fernsehen sehr wohl. Bei Radio DRS1 gab es einen Sprecher (einen Radio-Profi!), den habe ich bei Gesprächen, die er führte, regelmässig schlechter verstanden als den Nichtprofi, den er befragte. Darüber habe ich mich oft verwundert und geärgert. Ich frage mich, ob es den verantwortlichen Leuten bei Radio und Fernsehen genügend bewusst ist, wie wichtig die Sprechqualität ihrer Akteure vor allem für alte Hörer ist.

© Gerhart Wagner