297: «Der Bund», 18. 6. 2021

Jetzt trifft uns gleich der Glottisschlag

«Eine elegante Lösung, wie ich finde», sagte kürzlich Robert Schmid über das «Päuseli» vor «innen», das neuerdings am Radio manchmal zu hören ist, wenn beide Geschlechter gemeint sein sollen. Und wenn der hochgeschätzte, unlängst pensionierte SRF-Sprechtrainer so etwas sagt, hört man besser zu. Immerhin geht es um die Streitfrage, wie man es denn aussprechen soll, wenn da «Hörer*innen» steht (oder mit grossem I oder unterstrichenem Leerschlag oder Mediopunkt oder Schrägstrich mit oder ohne Bindestrich). So sollen Frauen und eventuell andere nicht männliche Geschlechter ausdrücklich genannt und nicht nur «generisch» inbegriffen sein.

Wenn man es richtig ausspricht, ist dieses «Päuseli» wirklich nur ein ganz kleines – eigentlich gar keines, sondern ein «Glottisschlag», wie Schmid der «Sonntags­Zeitung» ebenfalls sagte. Das ist laut Wikipedia «ein Konsonant, der durch die plötzliche, stimmlose Lösung eines Verschlusses der Stimmlippen gebildet wird», also durch einen Vorgang im Kehlkopf. Wer «Theater» korrekt aussprechen könne, meinte neulich im «Magazin» Nele Pollatschek, der könne das auch bei «Student*innen». Sie bezeichnet sich als Frau und als Schriftsteller, will nicht mit dem Femininum auf ihr «(biologisches) Geschlecht reduziert» werden. Sprachliches «Gendern» lehnt sie ab, nicht wegen Aussprache­schwierigkeiten, sondern weil es «sexistisch» sei.

Eine Diskriminierung anderer Art begeht sie aber, indem sie «Theater» nur dann korrekt ausgesprochen findet, wenn ein Glottisschlag drinstecke und man nicht «Thejater» sage. In der Tat: Gemäss Theodor Siebs (Konrad Dudens Pendant für die Aussprache) ist die Bühnensprache norddeutsch geprägt und damit von Glottisschlägen punktiert, aber am Wiener Burgtheater klingt’s anders. Wie, lässt sich auf Aussprache.at anhören, Suchwort «Theater». Da gibt’s Tonbeispiele aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, je von einer Sprecherin und einem Sprecher (aus der Schweiz Guido Schaller und Monique Furrer).

Von einem «j» in der Mitte ist bei niemandem etwas zu hören. Die deutschen Stimmen setzen beim a neu an; empfindliche Ohren nehmen einen Knacklaut wahr. Der Österreicher und der Schweizer sprechen den verbundenen Doppellaut «ea» aus, mit dem Norddeutsche Mühe haben, wenn sie in der Schweiz Beatrice oder Beat begrüssen. Die Frauen, besonders Furrer, lassen nördlich geprägte Sprechschulung vermuten – wohl nicht bei Schmid genossen. In phonetischer Schrift steht für Deutschland «tʼe.átʼɐ»; für Österreich und die Schweiz steht kein Punkt.

Ein Punkt im Wort: Wäre er die Patentlösung auch fürs Schreiben, weil er die Anweisung «Glottisschlag» in sich trägt? Wohl kaum – er wäre nur eine weitere Variante unter all den typografischen Tricks, die als geschlechtergerecht propagiert werden. Wenn schon, wäre der Apostroph mein Vorschlag zur Güte, denn dem könnte man eine Bedeutung für die Aussprache zuweisen – neben seiner herkömmlichen Funktion, eine Auslassung anzu­zeigen. Es wäre freilich eine unüblich lange: «Hörer’innen» steht für «Hörer [und Hörer]innen», bei Bedarf für «Hörer[n und Hörer]innen». Immerhin: Lieber ein gekonnter Glottisschlag als die stetige Doppelnennung oder das das genuschelte «nnnnn», zu dem «(n) und -innen» nicht selten schrumpft.

Es bleibt das Problem, diesen Schlag den südlichen Zungen beizubringen, oder besser den dortigen Stimmritzen (Glottides). Richtig gemacht, passt er nicht ins österreichische oder schweizerische Hochdeutsch, und sei es noch so gepflegt. Aber wenn da einfach ein «Päuseli» ist, auch ein extrem kurzes, dann lädt es zu Missverständnissen ein. So habe ich am Schweizer Radio schon gehört, wie es sei, «wenn sich Partner innen trennen» – offenbar in die innere Emigration. Und aus Wien rapportiert ein verängstigter Radiohörer: «Die Waste-Watcher rücken aus, um die Hundehalter innen zu kontrollieren».

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)