294: «Der Bund», 7. 5. 2021

Wenn die Diversität sprachliche Blüten treibt

«Vielfältig» ist Deutschland bereitsdas glauben wir der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock gern. Als sie zum Wahlkampf antrat, sagte sie aber auch, für ein «diverses» Land brauche es noch Veränderungen. Was also muss dazukommen? Der Duden hilft nicht weiter: Online bietet er für «divers» zwar auch die neuere Bedeutung «intersexuell» an, aber wie ginge das für ein Land? Und die herkömmliche Bedeutung «verschieden» illustriert duden.de für die Einzahl mit dem Satz «Die Region ist landschaftlich sehr divers.» Wenn man jedoch nicht sagt, wovon verschieden, wäre «vielfältig» treffender – nur hatten wir das schon.

Besser als das Wörterbuch hilft das aktuelle Schlagwort «Diversität». Mit «Bio-» vorndran bezeichnet es zwar auch nur die Vielfalt in der Natur, doch schwingt der Aufruf mit, sie zu erhalten. Und in der Arbeitswelt ist die Diversität, die (Führungs-)Teams beflügeln soll, die spürbare Vielfalt der Menschen. Gemeint ist meistens: nicht lauter einheimische Männer mittleren Alters. So darf man in Baerbocks «diversem» Deutschland eines vermuten, in dem jede(r) nicht nur «nach seiner Fasson selig werden» (Friedrich II.), sondern auch so leben und voll mitwirken kann. Dass «in den Sechzigern die Wandlung Londons zu einer internationalen und diversen Stadt» stattfand, wie ich anderswo las, belegt aber kaum, dort sei dieser hohe Anspruch längst erfüllt.

Man könnte sagen, das Adjektiv «divers» sei bisher in der Einzahl unterbeschäftigt gewesen, so dass es sich gut mit neuer Bedeutung aufladen liess. So etwas ist gar nicht so selten: Wer heute erzählt, ihm seien auf der Strasse viele Stromer aufgefallen, der meint wohl elektrisch betriebene Fahrzeuge. Ganz früher wären es Landstreicher gewesen, dann – jedenfalls noch in der jüngeren Deutschschweizer Vergangenheit – Elektriker. Zum Glück waren diese Verwendungen so weit verblasst, dass ein deutsches Wort für die Vehikel bereitstand, als deren Erfolgswelle einsetzte.

Sonst kommt ja meistens auch gleich das englische Wort mit, wenn in den USA das nächste grosse Ding ausgerollt wird. Es klingt dann nicht mehr unbedingt englisch: «the next big thing» hat sich eins zu eins übersetzen lassen. Ebenso «ausrollen»: Zuerst war der «rollout» nur die erste (öffentliche) Ausfahrt eines neuen Flugzeugtyps aus dem Hangar. Und wie auf Englisch wird jetzt auch auf Deutsch alles Mögliche ausgerollt. So sprach neulich ein Fachmann vom «schnellen Ausrollen des Covid-19-Zertifikats», als wärs als eingerolltes Pergament.

Nicht nur «rollen» hat zugelegt, sondern auch «trollen» – früher konnte man nur sich trollen und war dann weg. Gemäss den jüngsten gedruckten Duden kann man nun auch andere trollen, nämlich «im Internet gezielt provozieren». Sie sind dann durchaus noch da, weiterhin den neuen Trollen ausgesetzt. Die sind, wiederum zuerst im Englischen, von der Sagenwelt in die virtuelle gewandert. Dass man auch etwas rocken kann, weiss das Wörterbuch noch nicht: Dort rockt man einfach, macht also Rockmusik. Doch wer das Boot rockt, der stört die Ruhe anders, nämlich wie in der englischen Redensart für «Unruhe stiften».

Schon bevor es Rock ’n’ Roll gab, bedeutete «to rock» erschüttern. In umgekehrter Reihenfolge ist das Wort also ins Deutsche eingewandert: zuerst musikalisch, dann eher nicht. Derlei Doppelgrenzgänger können verwirrlich sein, etwa im Satz «Bei einem Match schreibt die Frau zuerst.» In diesem Zeitungsbericht ging es nicht etwa um einen sportlichen Schreibwettkampf, sondern um einen Internetdienst zur Kontaktanbahnung. Findet der eine Paarung passend, also «matching», legt er der Frau den Steckbrief des Mannes vor. Was da gemeint ist, merkt man beim Lesen. Aber nicht unbedingt, wenn eine Gewerkschaft versucht, «die Arbeiter eines Amazon-Warenhauses zu organisieren». Der Versandriese hat beileibe nicht ein Kaufhaus eröffnet: Seine «warehouses» sind Lagerhäuser. Kaufhäuser aber sind in der Schweiz immer noch Warenhäuser. Deutsch ist eben divers.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)