Kommen wir um «umhinkommen» herum?

«Bei einem Blick in Zeitungen kommt man nicht umhin festzustellen: Es gibt Leute, die ...» Das schrieb der «Bund»-Sprachkolumnist Jürg Niederhauser. Ich unterbreitete ihm darauf den Verdacht, die Wendung sei – obwohl seit einiger Zeit im Duden verzeichnet – eine Kontamination (Gemisch) aus «nicht umhinkönnen» und «nicht darum herumkommen». Und ich plädierte auch aus inhaltlichen Gründen dafür, nur diese beiden Formen zu verwenden.

Nach Konsultation von Fachliteratur hat mir Herr Niederhauser mitgeteilt, er finde keinen Hinweis auf Kontamination. Er schreibt auch:

Ihre Bedeutungsunterscheidung («nicht darum herumkommen» bei zwingenden äusseren Umständen, «nicht umhinkönnen» bei innerem Drang) scheint mir nicht so strikt festmachbar zu sein. Oft handelt es sich auch um eine Mischung aus äusseren Umständen und innerem Drang.

Das wird auch an den Beispielen ersichtlich, die sich in den Wörterbüchern finden:

- ich kann nicht umhin, ihn einzuladen

- er konnte nicht umhin, die Einladung anzunehmen

- nicht umhinkönnen, jemandem / einem Tier zu helfen.

Es handelt sich damit bei der Bedeutungsunterscheidung von «nicht darum herumkommen» und «nicht umhinkönnen» um einen anderen Fall als etwa bei «offenbar» und «anscheinend».

Ohnehin gilt es mit den strikten Bedeutungsunterscheidungen vorsichtig zu sein. Bei genauerem Hinsehen sind sie nicht immer so eindeutig, wie wir das gerne hätten. Selbst bei so etwas auf den ersten Blick Klarem wie der Unterscheidung von «Wörter» und «Worte» ist das der Fall, sonst würden wir ja nicht von «Sprichwörtern» reden.

«Nicht umhinkommen» und «nicht umhinkönnen» werden von etlichen Wörterbüchern als Synonyme gebucht, aber eindeutig so, dass «nicht umhinkönnen» als wichtigerer Eintrag angesetzt ist. So wie die beiden Ausdrücke verzeichnet werden, kann man die Verwendung von «nicht umhinkommen» nicht mehr strikt ablehnen. Ich würde somit nicht mehr heftig von der Verwendung abraten, aber darauf hinweisen, dass «nicht umhinkönnen» die zu bevorzugende Variante sei.

© Daniel Goldstein