Sein und Schein

In der Zeitung stand: «Die Stimmen mehren sich, wonach das Schlimmste in der laufenden Finanzkrise überstanden sei. Viele Finanzmarktteilnehmer scheinen daran zu glauben.» Und ein Kritiker gab zu bedenken: «Ich habe vor Jahren gelernt, dass 'scheinen' und 'scheinbar' streng genommen das Gegenteil des Geschriebenen besagen: dass also im konkreten Fall die Finanzmarktteilnehmer nicht daran glauben, dass die Talsohle schon erreicht ist. Andere verwenden 'scheinen' als Mittel, um Unsicherheit und Zweifel auszudrücken.»

Mir scheint der Fall klar: «Scheinen» beschreibt einen Anschein; man hat Indizien, aber keine Beweise für die geschilderte Sachlage. So verhält es sich «anscheinend». Dieses Wort unterscheidet sich lehrbuchmässig eindeutig von «scheinbar», das impliziert, die Tatsachen wichen vom Anschein ab. Um eine solche Vorspiegelung mit «scheinen» wiederzugeben, muss es ergänzt werden: «es scheint bloss so» oder «es scheint so, aber...».

Und warum sage ich nur, der Fall «scheine» mir klar? Weil es letztlich darauf ankommt, was der Leser versteht. Eine Strassenumfrage zu «scheinbar» und «anscheinend» könnte ernüchternd ausfallen. Aber wir können durch richtige Handhabung ein bisschen dazu beitragen, dass sich die Unterscheidung nicht noch weiter verwischt.

Bei «scheinen» müssen wir darauf achten, dass aus dem Zusammenhang klar wird, wie es gemeint ist. Im eingangs angeführten Beispiel kommen mir da keine Zweifel: Die Leute machen wirklich den Eindruck, daran zu glauben. Man könnte auch sagen: «Sie glauben offenbar daran.» Anders als «offenkundig», das für klar ersichtliche Tatbestände steht, bedeutet «offenbar», dass man aus Indizien mehr oder weniger spekulativ auf etwas schliesst. Agenturen verwenden das Wort gern, um das Fehlen einer Quellenangabe zu kaschieren.

© Daniel Goldstein