Bernereien
Im Bund-Blog schrieb Spectator: «Herr Goldstein fände ein gutes Betätigungsfeld darin, seiner Redaktion wieder einmal den Unterschied zwischen 'Berner' und 'bernisch' zu erläutern. Nehmen wir die 'Berner' (so lange es sie noch gibt) und die 'bernische' Polizei: 'Berner' steht für die Stadt Bern, 'bernisch' für den Kanton. So ist die 'Berner SVP' etwas anderes als die 'bernische SVP', usw. usf.»
Auf die Leserfrage, «Warum heisst es dann die Berner Alpen, die stehen ja nicht in der Stadt?», antwortete er: «Eben darum. Weil es in der Stadt Bern keine Alpen hat, gibt's auch keine Verwechslungsgefahr.»
Damit wäre die clevere Regel gerettet – sofern es sie überhaupt gibt. Da ich weder eine Berner noch eine bernische Schule besucht habe, hätte ich es verpasst, die Regel zu lernen, falls sie dort gelehrt wurde (oder noch wird). Aus dem allgemeinen Sprachgebrauch lässt sich diese Unterscheidung zwischen Stadt und Kanton aber nicht ableiten.
Einen Unterschied gibt es indessen schon: «Berner» bezeichnet eine Zugehörigkeit, «bernisch» eine Eigenschaft. Die Berner Platte heisst so, weil sie hier Tradition hat – sie wird aber auch anderswo ganz ordentlich zubereitet. Langsamkeit gibts ebenfalls auch andernorts – nur gehört sie dort angeblich nicht zum Wesen der Einheimischen, also pflegen wir die bernische Langsamkeit. Findige Berner werden nun ganz schnell Gegenbeispiele finden, bei denen die Adjektive genau andersherum verwendet werden. Bernisch gesagt: tant pis!
Eine beinahe antike «Bund»-Hausregel besagt, mit «römisch» sei etwas aus dem alten Rom gemeint, während sich «Römer» auf die heutige Stadt beziehe. Leider lässt der Duden für beides «römisch» gelten, und über «Römer» schweigt er sich aus, ausser wenn Menschen, Dachziegel, Weingläser oder das alte Frankfurter Rathaus gemeint sind. Die beste Hausregel nützt aber nichts, wenn sie ausser Haus nicht geläufig ist.
Daher, für Rom und für Bern: Wenn die Unterscheidung nicht aus dem Zusammenhang heraus klar ist, muss sie ausdrücklich gemacht werden, zum Beispiel altrömisch, stadtbernisch.
© Daniel Goldstein