«Von wo ich komme»
Der Leser Jürgen Peter Flückiger, Murten, schrieb dem «Bund» ins Stammbuch:
«Ihr Kollege Goldstein hat in einem seiner 'Sprachhäppchen' die Ersatzkonstruktion mit 'von' einmal den Schweizer Genitiv genannt. Das 'von' ist indessen nicht nur in diesem Fall für alemannische Schweizer eine latente Falle. Über ein Dutzend zeichnende, d.h. verantwortliche und haftende Redaktoren des Ressorts 'Stadt und Region Bern' haben im Titel der neuen Herbst-Serie 'Von wo ich komme' den deutschsprachlichen Stuss nicht zu erkennen vermocht. Man ist versucht zu fragen: Woher kommt das? Die Konstruktion mit 'von' ist die (verpönte, weil falsche) Umsetzung der mundartlichen in die deutsche Standardsprache. Wobei, wodurch, wofür, wogegen, woher, woran, worauf, worein, worin, worüber, wovon, aber auch weswegen bitten um Beachtung und ehrerbietige Benutzung.»
Dem ist nichts beizufügen. Mein Versuch, im Duden «von wo» wenigstens als (umgangssprachliche) Nebenform von «woher» anerkannt zu finden, ist gescheitert. In der Umgangssprache darf man aber «wo ich herkomme» sagen. Und elektronisch lässt sich im Duden auch ein Satz finden, der ein korrektes «von wo» aufweist:
«Sisyphus, der der griechischen Sage nach dazu verurteilt war, einen Felsblock einen steilen Berg hinaufzuwälzen, von wo er kurz vor dem Gipfel immer wieder herabrollte, wird in der ersten Silbe mit einem i, in der zweiten mit einem y geschrieben.» (© Duden – Die deutsche Rechtschreibung, 25. Aufl. Mannheim 2009 [CD-ROM]) Daran schliesst sich nahtlos des Sprachpflegers Maxime an: «Il faut imaginer Sisyphe heureux.» (Albert Camus)
Bleibt die Frage, warum «von wo» hier korrekt ist. Meine Deutung: Weil es sich auf einen bestimmten, bereits genannten Herkunftsort bezieht, nicht auf einen (noch) unbestimmten. Ähnlich: «Der Duden, auf den ich mich berufe» (nicht: worauf). Zur Verteidigung des Signets «Von wo ich komme» liesse sich höchstens sagen: Das fragliche Ich weiss natürlich, von wo. Aber als Einleitung dazu, es uns mitzuteilen, drängt sich dennoch «woher» auf.
© Daniel Goldstein