Sprunghafte Zeiten

«Das Massnahmenzentrum meldete die Entlassung des Mannes, der Lucie getötet hat.» – Zuerst meldete es, dann tötete er, also scheint die Zeitenfolge in diesem Untertitel zu stimmen. Das tut sie aber nicht, denn wir dürfen uns die sechs Zeiten nicht einfach als Treppenstufen vorstellen, die aufeinander folgen.

Nicht umsonst heissen die zusammengesetzten Zeiten Vorvergangenheit, -gegenwart, -zukunft. Sie beschreiben – in der Regel im Nebensatz – ein vorangegangenes Ereignis, das weiterwirkt. Meist wirkt es in den Hauptsatz hinein: «Vor Gericht steht der Mann, der getötet hat.» Steht der Nebensatz mit Perfekt am Anfang, so kann er sich auch auf die reale (oder zuvor beschriebene) Gegenwart beziehen: «Der Mann, der Lucie getötet hat, war zur Beobachtung angemeldet.» Syntax-Puristen könnten auch diese Version anfechten, aber in einem Untertitel ist sie vertretbar (und besser verständlich als das Original).

«Der Club-Betreiber wurde in Untersuchungshaft gesetzt, nachdem man bei ihm Geldscheine fand, die bei einem Banküberfall erbeutet worden waren.» Richtig: «... gefunden hatte». Würden zwei Plusquamperfekte mit gleichem Hilfsverb aufeinander folgen, so sollte man das eine Hauptverb so ersetzen, dass wie hier als Hilfsverb je einmal eine Form von «sein» und von «haben» steht.

«Als er im Gefängnis war, hatte sich auch Bin Laden für den Geistlichen eingesetzt.» – Das könnte stimmen, wenn sich Bin L. nur gerade bei oder vor der Verhaftung für ihn eingesetzt hätte, aber so ists wahrscheinlich nicht gemeint. Vielmehr als gleichzeitiger Vorgang: «setzte sich auch».

«Nur eine Dreiviertelstunde bevor die Schüler zum Turnunterricht antraten, stürzte das Dach der Turnhalle ein.» – Hier wäre, falls die Schüler wirklich antraten, die «Zukunft in der Vergangenheit» richtig: «bevor die Schüler antreten sollten». In diesem Fall macht es auch nichts, wenn man das «sollen» als Pflicht versteht. Im Satz ganz am Anfang wäre «des Mannes, der Lucie töten sollte» zwar sprachlich korrekt, aber allzu grausam missverständlich.

© Daniel Goldstein