Die Würde-Doktrin
Grundregel: Indirekte Rede steht im Konjunktiv I: «Er sagte, er gehe» – nicht: «er ginge». Mit «würde(n)» wird der Konjunktiv II umschrieben, der für konditionale Aussagen dient, seien sie direkt oder indirekt: «Er sagte, er ginge, wenn er könnte» – oder eben: «er würde gehen». Ergo gehört «würde(n)» nicht in die indirekte Rede, ausser bei Konditional, Passiv oder Futur.
Die «Duden»-Grammatik macht die Unterscheidung zwischen Konjunktiv I und II bei der indirekten Rede praktisch nicht mehr. Es geht also nicht um Schulgrammatik, sondern um Stil. Und da empfehle ich dringend, die Unterscheidung zu pflegen; sie liegt uns in der Schweiz besonders nahe, da sie im Dialekt konsequent gemacht wird.
Mögliche Ausnahmen, wo ein Konjunktiv II (mit oder ohne «würde») in indirekter Rede stehen kann:
1) echte Gefahr der Verwechslung mit gleichlautendem Indikativ, ist aber selten und kann anders vermieden werden.
Die Gefahr besteht nicht bei «er sagte, ich habe recht», also braucht man nicht auf «ich hätte recht» auszuweichen; vielmehr wäre gerade dies missverständlich, weil es ein unausgesprochenes «wenn» suggeriert (ich hätte recht, wenn ich eine bessere Begründung lieferte).
Folgt auf eine lange Suada in indirekter Rede etwa «Den Gegnern gingen die Argumente aus», so ist in der Tat unklar, ob die zitierte Person auch das noch gesagt hat, oder ob über ein Ereignis berichtet wird. Ausweichen auf «den Gegnern würden die Argumente ausgehen» bedeutet eine neue Gefahr des Missverständnisses: Der Zitierte könnte das Futur gemeint haben. Wird immer noch zitiert, so ist es ohnehin an der Zeit, dies explizit zu erwähnen. Ein Konjunktiv kann keinen selbständigen Satz tragen; eine Abfolge indirekter Zitate sollte daher auch entsprechend interpunktiert werden, etwa mit Strichpunkt.
2) Gelegenheit, dank «würde» ein direktes Teilzitat unterzubringen: «Sie sagte, diese Regeln würden ihr 'einleuchten, nützen und helfen'.»
Selber mache ich von diesen Ausnahmen keinen Gebrauch, aber bei anderen will ich nicht päpstlicher sein als die Sprachpäpste Wolf Schneider und Gustav A. Lang.
© Daniel Goldstein