«Man» macht sich nützlich (1)
«'Man tut so, als wäre Prostitution eine völlig normale Arbeit', sagt die Grossrätin. Doch nirgends solle das Sexgewerbe betrieben werden...» – Aha, denkt man beim Lesen, das ist eine ganz sittenstrenge Magistratin. Aber dann liest man weiter: «...und wer dort arbeite, gelte als minderwertig.» Die Grossrätin hat also den Bann übers Sexgewerbe nicht selber verhängt, sondern mit «nirgends solle» andere Leute indirekt zitiert. Weil wir das Votum der Volksvertreterin ebenfalls in indirekter Rede wiedergeben, merkt man dem «solle» nicht an, dass es nicht ihre Meinung wiedergibt. Anders in der Fortsetzung bei «gelte» – hier zeigt schon das Verb, dass eine andere Meinung angeführt wird. Eindeutig wäre der erste Teil des Satzes, wenn er zum Beispiel lautete: «Doch nirgends wolle man das Sexgewerbe haben...»
Das Wort «man», bei dem «frau» mitgemeint ist, hat etwas an Kurswert verloren. Dabei trägt es die Urbedeutung «Mensch» weiter und kann nichts dafür, dass ihm der Mann etymologisch aus den Rippen geschnitten ist. Jedenfalls ist «man» besser geeignet als das umgangssprachliche «sie» (Plural), ungenannte Täter zu bezeichnen, wie im folgenden Beispiel: «Diesem Wunsch schliesst sich auch Martha Wigger von Xenia, Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe, an. Sie seien bereits am Abklären, wie sich kantonale Gesetze auf das Sexgewerbe auswirken.» Hier wäre «man» am Platz – ungeachtet dessen, dass wohl lauter Frauen am Abklären sind. Eleganter aber ist ohnehin: «Diesem Wunsch schliesst sich Martha Wigger von Xenia an. Diese Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe sei bereits am Abklären...» So ist auch das «an» (zu «schliesst sich») nicht mehr so einsam wie im überkorrekt konstruierten Original. Überflüssig ist das «auch» bei Martha Wigger: Sie ist hier die Einzige, die sich dem Vorredner anschliesst.
© Daniel Goldstein