So genanntes Sprachhäppchen
Doch, Sie haben richtig gelesen, das Sprachhäppchen heisst tatsächlich so. Aber das «so genannt» klingt hier so blöd wie in fast allen anderen Fällen. Durch die Rechtschreibungsreform machte die Zweiteilung des Worts dessen Überflüssigkeit nur noch besser sichtbar. Dank der Revision darf man «sogenannt» weiterhin in einem Wort schrieben, und der Duden empfiehlt das vernünftigerweise sogar. Einige «viel sagende» Beispiele aus der Zeit der reinen, wortzerreissenden Reform, alle aus einer einzigen Zeitungsnummer:
«...der Anstifter der so genannten Henzi-Verschwörung»: «So genannt» wäre nur dann sinnvoll, wenn die Namensgebung nach Henzi oder der Verschwörungscharakter des Vorgehens in Zweifel gezogen würde; das geschieht hier nicht.
«Im so genannten Ancien Régime des 18. Jahrhunderts»: Widersinnig, damals wurde es noch nicht so genannt.
«Mit den so genannten Pumpspeicherwerken»: Sie sind zuvor beschrieben, jetzt will der Autor noch mitteilen, wie sie heissen – dazu reicht «mit solchen Pumpspeicherwerken».
«So genannte Schneehärter...»: Das steht am Anfang eines Artikels und soll wohl das ungewohnte Wort abfedern. Sinnvoller, weil es auf gleichem Raum mehr aussagt: «Chemische Schneehärter...»
Hat man beim Schreiben wirklich Zweifel, ob die Lesenden ein Wort als (Fach-)Bezeichnung für die behandelte Sache erkennen, so kann man es eleganter sagen als mit «so genannt»: «Bestimmte Chemikalien, Schneehärter genannt, ...»
© Daniel Goldstein