Dicke Delikte
«Raubdelikte und Körperverletzungen haben 2008 zugenommen.» – Man verstehts auf Anhieb richtig, aber eigentlich haben nicht diese Untaten zugenommen, sondern ihre Zahl hat es getan.
Ein ähnliches Problem ist dem «Briefkasten» des «Sprachspiegels» vorgelegt worden; Antwort: «Ausdrücke wie ,Die Unfälle nehmen ab' sind unseres Erachtens eine leider ziemlich verbreitete Unart. Allerdings wird dem Begriff ,abnehmen' im Deutschen Universalwörterbuch u. a. die Bedeutung ,sich verringern' zugeschrieben (,Die Vorräte nehmen ab' = es gibt weniger). Nichtsdestoweniger geben wir der Variante mit ,die Zahl der Unfälle' klar den Vorzug.»
Dem ist nur zuzufügen, dass auch «die Unfälle verringern sich» holprig wäre. Das Beispiel «Vorräte» ist nicht ganz treffend, denn dieser Begriff hat bereits Mengencharakter. Handelt es sich zum Beispiel um Brote, so tönt «die Brote nehmen ab» (oder «verringern sich») ebenso holprig.
Allerdings ist «die Zahl der Unfälle» (oder Delikte) etwas umständlich. Einfacher – und für einen Lead besser geeignet: «Es hat 2008 mehr Delikte gegeben.» Da fehlt freilich «als im Vorjahr» – aber wers nicht merkt, wirds im Text erfahren. Ohne ausdrücklichen Zeitbezug kommt die Formulierung aus: «Die Unfälle sind seltener geworden.» Nur sind sie ja eigentlich nicht selten. Umgekehrt beim Zunehmen: «Die Delikte sind zahlreicher geworden.» Aber falls es sich um jene in der Marzilibahn handelt, sind sie ja immer noch selten.
© Daniel Goldstein