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Sprachlupe 427, 22. 5. 2026

Allzu viel ist ungesund, auch beim Geschlecht

Wer «seinen oder ihren» Sinn für sprachliche Gerechtigkeit im Übermass walten lässt, bringt «ihr oder sein» Anliegen in Verruf.

Liebe Person, die oder der so redet – nämlich am Radio über «eine Person, die oder der» etwas getan hatte; was es war, ist mir leider entfallen. Dabei würde «eine Person, die» im Allgemeinen generisch verstanden – also so, dass das Wort nichts über das biologische oder soziale Geschlecht aussagt. Diese generische Möglichkeit gilt viel häufiger für grammatisch maskuline Wörter. Mit «Person, die oder der» hast du nun einem generischen Femininum eine biologische Bedeutung aufgezwungen. Aus Gerechtigkeitssinn? Wahrscheinlich hast du bloss Redaktionsvorgaben gegen den generischen Wortgebrauch ungeschickt umgesetzt. Ähnlich beginnt im SRF-Archiv ein «Gespräch mit einem Gast, die Kultur aus verschiedenen Perspektiven kennt».

Eine – gewiss unbeabsichtigte – Nebenwirkung solcher Verstösse gegen die Grammatik ist es, dass sie die angestrebte sprachliche Gleichbehandlung beider oder aller Geschlechter in Verruf bringen können. Bist du gar eine «Person, die oder der» listigerweise gerade diese Nebenwirkung anstrebt? Dann kennst du wahrscheinlich auch all die andern Kniffe, mit denen sich der Misskredit fördern lässt. Man braucht sie indes gar nicht zu kennen, um sie tagtäglich vielfach anzuwenden. Meistens reicht es, einen Automatismus stur anzuwenden, obwohl es oft elegante und garantiert geschlechtsneutrale Alternativen gäbe.

Automatik ist bequem, aber tückisch

Zuerst einige Automatismen, vielleicht schon in eine Redaktions-KI eingebaut:

Der Plural Musizierende kommt immerhin vom existierenden Verb musizieren. Dass Leute wie Nemo es nicht pausenlos praktizieren, darf man ihnen gönnen, wie den Studierenden die ge­le­gent­liche Musse. Aber etwa Schauspielende oder Einwohnende müssen ohne zugrunde liegendes Verb auskommen. Nicht selten steht ein Partizip nutzlos im Singular: Mitarbeitender ist ebenso männlich wie das kürzere, offenbar verpönte Mitarbeiter.

Alternativen erfordern Nachdenken

Und nun die eleganteren Alternativen:

Wer sich durch die Doppelungen durchgebissen hat, weiss womöglich nicht mehr, dass es in jenem Tamedia-Artikel nicht etwa um die Existenz zweier Geschlechter ging, sondern um Vorurteile gegen bestimmte Menschen, unbesehen ihres Geschlechts. Sollte genau diese Ablenkung die versteckte Absicht gewesen sein, so wäre es der Gipfel des subversiven Geschlechternennens: mit diesem Trick andere Gedanken vernebeln. Würdest du, liebe Person vom Anfang, sogar so etwas tun?

Indexeintrag «Geschlechter» in den «Sprachlupen»-Sammlungen: tiny.cc/lupen1 bzw. /lupen2, /lupen3. In den Bänden 1 und 2 (Nationalbibliothek) funktionieren Stichwort­suche und Links nur im herun­tergeladenen PDF.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)