«Der Bund», 23. 2.  2018

Gut geduzt ist halb verkauft – wirklich?

«Na, liest du diesen Text gerade während der Arbeit?» Keine Angst – ich überwache Sie nicht und erfreche mich auch nicht, Sie zu duzen; ich zitiere nur. Denn so hat mich neulich am Bildschirm der Kioskdienst Blendle begrüsst, bei dem man Zeitungsartikel einzeln kaufen kann. Und so ging es weiter: «Weil dir langweilig ist? Da bist du nicht alleine.» Blendle ist ebenfalls nicht allein – mit der Masche, seine Kundschaft zu duzen. Der schon fast übergriffig anbiedernde Ton ist mir allerdings sonst noch nirgends aufgefallen; ihm nahe kam der Marktdienst Siroop mit «Das ist wirklich eine sehr gute Auswahl.» Ich nehme nicht an, dass andernfalls kommt: «Was, den Mist willst du wirklich?»

Die duzenden Marekting-Leute werden ja schon wissen, was sie tun. Mag sein, dass für jeden Kunden, den die Duzerei nervt, drei kommen, bei denen sie kundenbindend wirkt. Das soll sogar im wirklichen Leben so sein. Während aus Schweden die Kunde kommt, das allgemeine Duzen sei im Rückgang, kommen Kunden in hiesigen Läden bis ins mittlere Erwachsenenalter nicht selten in den Genuss der vertraulichen Anrede. «Ich werde alt», sagte mir ein Dreissigjähriger, als er in einem Laden zum ersten Mal gesiezt worden war.

Ein anderes Du ist einer Leserin aufgefallen. Sie fragt: «Warum benützen die Personen (vor allem Sportler/innen bei Interviews oder Kommentatoren bei Sportsendungen im TV) immer das Du, wenn sie von sich selber sprechen? Ein Beispiel: ‹Ein solches Gegentor hätte es nicht gebraucht, aber das passiert im Fussball. Du kannst nicht alles verhindern …›.» Dieses Du braucht man nicht einmal zu verhindern; es wird verallgemeinerndes Du genannt und im Gespräch oft anstelle von «man» verwendet. Es ist älter als das Fernsehen und vielleicht sogar älter als der Sport. Es dient dazu, eine allgemeine Aussage so vorzubringen, dass der Angesprochene fast nicht anders kann, als ihr zuzustimmen: «Du kannst doch von der Katze nicht verlangen, dass sie das Mausen lässt.» Oft wird es redensartlich gebraucht: «Da kannst du nichts machen; da staunst du Bauklötze!» Oder die schweizerdeutsche Variante: «Da leisch es Ei!»

Es gibt auch eine Art lyrisches Du, weniger «offiziell» als das lyrische Ich, das in manchen Gedichten spricht, ohne mit dem Dichter identisch zu sein. Der wiederum kann auch ein Du ansprechen, ohne ein bestimmtes zu meinen, auch nicht unbedingt den Leser. So bleibt bei Rilke («Abend») offen, wer da schaut: «… du schaust: und von dir scheiden sich die Länder …». Es folgt die allgemeinmenschliche Erfahrung eines gedanklichen Scheidewegs.

In der Wikipedia steht zu «Du (Personalpronomen)» u. a.: «In der Umgangssprache wird zunehmend die zweite Person Singular als Subjekt von eigentlich unpersönlichen Aussagen verwendet, in denen in der Schriftsprache üblicherweise ‹man› verwendet wird.» Eines der zwei angeführten Beispiele kommt tatsächlich aus dem Sport. Allerdings steht der ganze Wikipedia-Eintrag unter dem Vorbehalt, er sei «nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet». Mir fällt als Ersatz für «man» in letzter Zeit eher «sie» auf, wie es im Dialekt häufig ist und in Schulaufsätzen verpönt war; schriftlich stört es mich immer noch.

Die Wikipedia weist ferner auf eine «Parallelität mit der englischen Sprache» hin, wo «you» für unser «man» am geläufigsten sei. An anderer Stelle vermutet das Internet-Lexikon hinter diesem Du eine unbewusste Nachahmung des Englischen. Diese Erklärung ist unnötig. Eine bewusste Nachahmung aber liegt gewiss vor, wenn in einer Theaterkritik «dieses In-dein-Gesicht» als Markenzeichen des Autors Lutz Hübner genannt wird. «In your face» macht man eine unverblümte, verletzende Aussage. Auf Mundart lässt sich der Vorgang mit «dem hani’s gseit» wiedergeben, auf Jiddisch mit «areingesugt» (hineingesagt). Jetzt müsstest du das nur noch deutsch und deutlich sagen können.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)