«Der Bund», 17. 11.  2017

Was winkt uns da als Überraschung?

Also sprach Granit Xhaka: «Wir können etwas leisten, was viele überrascht.» Nun will ich keineswegs das Deutsch des Nationalspielers kritisieren, auch wenn es hier ums Deutsch in diesem Satz geht. Denn wahrscheinlich hat der Fussballer im Interview nach der Qualifikation für die Weltmeisterschafts-Endrunde Mundart geredet, und da wäre die Sache eindeutig gewesen. Aber so, wie vermutlich der Journalist die Aussage ins Hochdeutsche übersetzt hat, ist eine Zweideutigkeit herausgekommen.

Wir können den Satz so verstehen: «Es überrascht viele, dass wir etwas leisten können.» Es wäre zwar überraschend, wenn der Spieler es so gemeint hätte, aber «was» in seinem Nebensatz kann sich eben auf den ganzen Hauptsatz beziehen und damit auf die Fähigkeit der Nationalmannschaft: «Wir können etwas leisten.» Auf Baselditsch wäre das etwa: «Mir kenne ebbis laischte, was vili iberrascht» oder gar «und das iberrascht vili». Aber er sagte wohl: «ebbis laischte, wo …». Dieses «wo» bezieht sich eindeutig auf «ebbis», und dieser Sinn ergibt sich auch aus dem Zusammenhang, in dem die Worte standen: Es ging darum, was sich diese Mannschaft für die Endrunde nächstes Jahr in Russland zutraut.

Hätte man den Bezug auf «etwas» – und nicht auf «Wir können etwas leisten» – auch auf Hochdeutsch eindeutig machen können? Man hätte, und erst noch ganz einfach: «… das viele überrascht.» Denn anders als «was» kann sich «das» nicht auf den ganzen vorangegangenen Satz beziehen, sondern nur auf etwas, das darin gesagt wurde – eben «etwas», nämlich das, was dereinst (hoffentlich) in Russland geleistet wird.

Aber hat man überhaupt die Wahl, mit Bezug auf «etwas» nicht «was» zu sagen, sondern eben «das»? Man hat: Der Duden-Band 9 (Zweifelsfälle) erläutert unter dem Stichwort «etwas was / das» zwar, es stehe hier «in der Regel was». Er fährt aber fort: «Zur Vermeidung der Wiederholung von was, aber auch, weil der Sprecher etwas Bestimmtes, Einzelnes im Auge hat, wird häufig auch das gebraucht.» Xhaka kann zwar noch nicht wissen, was seine Mannschaft in Russland Überraschendes leisten wird, aber wenn es viele überraschen wird, muss es ja etwas Bestimmtes sein – der Vorstoss in den Final vielleicht. Apropos Hochdeutsch: Wir müssen uns dann nicht etwa verpflichtet fühlen, «das Finale» zu sagen: «der Final» hat als schriftsprachlicher Helvetismus Dudens Segen.

Vielleicht wird, wenn dann doch der Halbfinal Endstation ist, ein Kommentator sagen: «Das war alles, was man von dieser Mannschaft realistischerweise erwarten durfte.» Dürfte er auch sagen «alles, das»? Das wäre nun gemäss Handbüchern nicht korrekt; im Duden 9 steht unter «Relativpronomen, 4. das / was»: «Schliesslich wird was fast ausnahmslos gebraucht, wenn das Bezugswort ein Indefinitpronomen oder ein Zahlwort ist.» Als Beispiele nennt er «dasselbe / das Gleiche, nichts, vieles / vielerlei / allerlei / manches» und verweist auf den bereits genannten Eintrag zu «etwas» – so weit ich sehe, das einzige indefinite (also unbestimmte) Fürwort, mit dem ausnahmsweise doch etwas so Bestimmtes gemeint sein kann, dass man mit «das» darauf Bezug nehmen darf.

Um sich das zu merken, sind zwei Gedichte hilfreich: der Psalm 150 und von Ludwig Giseke «Die Nachtreise». Im Psalm heisst es: «Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.» Und im Gedicht: «Jeder hat in seinem Gleise etwas, das ihm Kummer macht.» Aber halt, das ist doch das Beresinalied, das ans Debakel von Napoleons Armee am weissrussischen Fluss Beresina erinnert. «Der Glarner Oberleutnant Thomas Legler stimmt das Beresinalied am 28. November 1812 in aussichtsloser Lage an», berichtete Radio DRS4 200 Jahre später. Und dieses Lied des Leidens soll hier nun wirklich nicht zitiert werden, wo es doch um die hochgespannten Erwartungen an die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland geht.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)