«Der Bund», 14. 7.  2017

Weidehaltung – ein Fall für Realpolitik

Die Realpolitik ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Jüngst etwa ging es am Radio um die Weidehaltung von Rindvieh: «Um diese hehren Ideen auch realpolitisch umzusetzen» brauche es noch viel Überzeugungsarbeit. Gemeint war wohl die Durchsetzung in der politischen Wirklichkeit. So wird «realpolitisch» in letzter Zeit öfters verwendet; vielleicht setzt sich damit ein Bedeutungswandel durch. Doch in der herkömmlichen Bedeutung ist Realpolitik die handfeste Förderung der eigenen Interessen; ihr bekanntester Theoretiker war an der Schwelle zur Neuzeit Niccolò Machiavelli, ihr berühmtester Praktiker der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck.

Einige Jahre bevor sich Bismarck ans Werk der Einigung Deutschlands machte, hatte just mit diesem Ziel der Publizist Ludwig August von Rochau 1853 seine «Grundsätze der Realpolitik» veröffentlicht. Er ging davon aus, «dass das Gesetz der Stärke über das Staatsleben eine ähnliche Herrschaft ausübt wie das Gesetz der Schwere über die Körperwelt». Daraus leitete er nicht etwa das Recht des Stärkeren ab, wohl aber die «einfache Thatsache», dass allein Macht herrschen könne; Recht herrsche also nur, soweit ihm Macht «zu Gebote steht». Über die Frage, wie skrupellos oder wie staatsmännisch Bismarck dann Politik betrieben habe, sind ganze Bibliotheken geschrieben worden.

Friedrich Nietzsche nannte «Bismarcks Macchiavellismus mit gutem Gewissen, seine sogenannte ‹Realpolitik›» geradezu eine «Ausnahme vom Geiste der Rasse … unter Deutschen». (Das falsche zweite c bei Machiavelli ist seither kaum noch auszurotten.). Im frühen 20. Jahrhundert dann ordnete Max Weber die Realpolitik der Verantwortungsethik zu. Er meinte damit ein ethisches Handeln, zu dessen Rechtfertigung die Gesinnung allein nicht genügt, sondern das auch «die vorauszusehenden Folgenin Betracht zieht».

In diesem Sinn hat das Wort international Karriere gemacht: Im Englischen gibt es das Fremdwort realpolitik. Die «Enyclopedia Britannica» definiert es so mustergültig, dass sie auch fürs Deutsche Klarheit schafft: «auf praktischen Zielen statt auf Idealen gegründete Politik. Das Wort bedeutet nicht ‹real› im englischen Sinn [also: wirklich], sondern es bezieht sich aufDinge›, bedeutet also eine Politik der Anpassung an die Faktenlage; Realpolitik suggeriert damit eine pragmatische Sicht des ‹no nonsense›, unter Hintansetzung ethischer Überlegungen.»

Im Duden fehlt diese Distanzierung von der Moral: Er definiert Realpolitik einfach als «Politik auf realen Grundlagen». Das Digitale Wörterbuch (dwds.de, in der Nachfolge der Brüder Grimm) schreibt: «Politik, die ihre Zielsetzungen den jeweils bestehenden politischen Verhältnissen anzupassen sucht und sich an dem orientiert, was möglich ist». Das wäre, kurzum, Politik als «Kunst des Möglichen», und damit wären wir wieder bei Bismarck. Laut Wikiquote wird ihm das Zitat oft zugeschrieben, obwohl es nicht belegt ist. Immerhin hat ein Gesprächspartner berichtet, der Kanzler habe die Politik als «Lehre vom Möglichen» bezeichnet, und dass er sie eine Kunst nannte, ist mehrfach überliefert. Er sagte auch, sie sei keine Wissenschaft und man dürfe sich dabei «an Theorien nicht so sehr kehren».

Dass man sich auch an die Moral «nicht so sehr kehren» dürfe, hätte er gewiss weit von sich gewiesen. Und so ist denn die etwas anrüchige Seite nationalegoistischer Realpolitik im Deutschen so weit in den Hintergrund gerückt, dass heutzutage auch Weidehaltung «realpolitisch» angegangen werden kann. Manchmal klingt der Gegensatz zur Gesinnungsethik wenigstens noch an, so kürzlich im «Bund», als es um die Krankenkassen ging: «Man könnte mit gutem Grund gegen Wahlfranchisen sein, weil sie dem Prinzip der Solidarversicherung widersprechen. Aber aus realpolitischen Gründen braucht es für Junge und Gesunde diese Möglichkeit, den Solidarbeitrag etwas zu reduzieren.»

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)