«Der Bund», 20. 2.  2015

Ist «Common Sense» gemeiner Unsinn?

Ganz schön frech muss Doris Leuthard den Schweizer Bankleuten vorgekommen sein: «Entwickeln Sie einen Common Sense in den grossen Linien», mahnte sie am letzten Bankiertag. Da die Bankiers (oder Banker) alle gut Englisch können, verstanden sie auf Anhieb, was die Bundesrätin von ihnen verlangte: gesunden Menschenverstand. Gewiss fehlt der manchen Bankverantwortlichen – aber würde die Magistratin als Ehrengast so direkt auf diesen Mangel hinweisen?

Ihrer eigenen Deutschkenntnisse weniger sicher, liessen manche Banker ihre Assistenten im Duden nachschauen, und siehe da: «Common Sense» gilt auch als deutsches Wort und bedeutet wie auf Englisch «gesunder Menschenverstand». Aber Leuthard hatte von «einem» gesunden Menschenverstand geredet. Das musste sprachbewusste Zuhörer stutzig machen: Kann es denn mehr als einen geben? Was genau dieser Verstand ist, weiss kaum jemand zu sagen. Aber zur Vorstellung vom gesunden Menschenverstand gehört es, dass es davon bloss eine Sorte gibt.

Diese Vorstellung ist Allgemeingut, und sie besagt wohl, dass bei vielen Problemen die meisten Leute mit ein bisschen Nachdenken zu ähnlichen Antworten kommen. Manche anderen Ansichten werden ohne jedes Nachdenken vertreten, aber ebenfalls von vielen geteilt – Vorurteile zum Beispiel. Weit verbreitet zu sein, reicht also nicht, damit eine Idee dem gesunden Menschenverstand entspricht. Im Deutschen indessen wird «Common Sense» seit einiger Zeit oft ohne jede Rücksicht auf den Verstand benutzt, um eine allgemeine Ansicht, eine vorherrschende Meinung zu bezeichnen.

So muss es auch die Bundesrätin gemeint haben, denn sie rief dazu auf, Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Bankenverbands zu überwinden: «Finden Sie sich in den zentralen Fragen», sagte sie unmittelbar vor dem Satz mit dem «Common Sense». Und so dürften die meisten Zuhörer in Wirklichkeit gar nicht gemerkt haben, dass ihnen da dem Wortsinn nach der gesunde Menschenverstand abgesprochen wurde. Schade!

Dass aus einer anderen Sprache übernommene Wörter im Deutschen ein Eigenleben entwickeln, ist gar nicht so selten und manchmal sogar nützlich. Unser «Mail» etwa ist sofort als elektronisches zu erkennen, wozu vor dem englischen «mail» noch ein «e-» nötig ist. Das Eigenleben von «Common Sense» als «vorherrschende Meinung» dagegen führt zu Konflikten mit der Grundbedeutung «gesunder Menschenverstand». So schrieb neulich ein anderer Kolumnist von einer «Gedankenlosigkeit, die leider nahezu ‹Common Sense› geworden ist». Und ein weiterer braucht das Wort ausdrücklich für das «allgemein Geglaubte» und sieht dieses in der Form von Empörungswellen «im Internet Amok laufen». Wiederum andere brauchen das Wort für «Gemeinsinn» – o wäre er doch allgemein verbreitet!

Gedankenlosigkeit scheint auch hinter der neumodischen Verwendung von «Common Sense» zu stecken, zusammen mit dem Drang, sich durch unverstandene Englischbrocken hervorzutun. Oder ist auch im Englischen ein Bedeutungswandel im Gange? Wörterbücher und Stichproben im Internet lassen davon nichts erkennen. Hingegen braucht der Englisch schreibende Schweizer Alain de Botton in «The Consolations of Philosophy» just das Wort «common sense» für jene landläufigen Meinungen, gegen die Sokrates antrat. Allen, die sich in gleicher Weise unbeliebt machen, bietet er folgenden «Trost» an: Im sokratischen Gespräch mit einem Freund lasse sich so ein «common-sense belief» in weniger als einer halben Stunde durch bessere Ideen ersetzen – vorausgesetzt, man habe «einen neugierigen und wohlgeordneten Verstand». Mit anderen Worten: gesunden Menschenverstand.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)